07 May 2026, 14:17

Wie die DDR jüdisches Erbe in Halberstadt systematisch verdrängte und vergass

Rechteckige Plakette mit "Adolf Abraham" eingraviert, an einer Steinwand angebracht.

Wie die DDR jüdisches Erbe in Halberstadt systematisch verdrängte und vergass

Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR. Unter dem Titel „Verweigertes Erbe“ zeigt es auf, wie der Staat trotz antifaschistischer Bekundungen Versagen im Umgang mit Antisemitismus und Autoritarismus offenbart. Die Studie zeichnet zudem nach, wie jüdische Stimmen in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch zum Schweigen gebracht wurden.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts, einst ein Zentrum neo-orthodoxen Denkens, wurde zwischen 1938 und 1942 systematisch zerstört. In der Pogromnacht vom November 1938 brannte die Synagoge der Stadt nieder – der Beginn ihrer Vernichtung. Nach dem Krieg wurden jüdische Betriebe von Nicht-Juden übernommen, und der letzte jüdische Überlebende wurde 1961 beigesetzt.

1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte, die an die Opfer von Zwangsarbeit erinnern sollte. Doch bereits 1969 wurde der Ort zu einer Kulisse für politische Gelöbnisse umgestaltet. Das Tunnelsystem des Lagers diente später in den 1970er-Jahren als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee der DDR.

Trotz erster Ansätze, die NS-Verbrechen aufzuarbeiten, kämpfte die DDR mit anhaltendem Antisemitismus und rechtsextremen Tendenzen. Grafs Forschung belegt, wie die antifaschistische Politik des Staates oft scheiterte. Selbst kulturelle Beiträge jüdischer Überlebender wurden verdrängt. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 nach Ost-Berlin zog, veröffentlichte zwar drei Schallplatten – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand sie aus dem Rundfunkprogramm.

Literarische Werke der KZ-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker erschienen zwar 1969, blieben aber Ausnahmen in einem System, das Graf zufolge seine Vergangenheit nie vollständig aufarbeitete.

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Grafs Buch wirft ein Licht auf die Widersprüche des antifaschistischen Erbes der DDR. Zwar wurden Gedenkstätten errichtet und vereinzelt jüdische Geschichten veröffentlicht, doch strukturelle Defizite ließen Antisemitismus und Autoritarismus fortbestehen. Die Geschichte der einst blühenden jüdischen Gemeinde Halberstadts steht heute als mahnendes Zeichen für das, was verloren ging – und was nie wirklich aufgearbeitet wurde.

Quelle